So wurde ich drittbester der Welt – Im Kaffeekochen.

Dass ich Ende März die Deutschen Cezve/Ibrik Meisterschaften gewonnen habe, hatte ich bereits hier geschrieben.
Und was daraus folgte, war die Teilnahme an den Weltmeisterschaften Anfang Juni in Berlin.

STOP! Wer nicht weiss worum es hier geht, der kann diesen Artikel über die Kaffeezubereitung in Cezve oder Ibrik lesen!
Es ist eine Kaffee competition, in der es darum geht, in einer bestimmten Zeit bestimmte Dinge zu tun. Diese werden dann sensorisch und technisch bewertet, und dann wird abgerechnet.

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Nicole und ich haben es Ende März in Unterhaching geschafft.

Zu Beginn der Vorbereitung hieß das Zauberwort Prokrastination. Dann wurde trainiert. Und dann… Dann wurde es ekelhaft. Innere Unruhe. Keine Lust überhaupt noch mitzumachen. Noch mehr Unruhe.

Dann kam Berlin. Ich greife vorweg: Das war die mental anstrengendste Zeit die ich je durchgemacht habe. Eine echt krasse Belastung und seitdem weiss ich auch, warum ich Nicole Battefeld damals während ihren Teilnahmen an Meisterschaften als total mies und unfreundlich empfunden habe. Dieser Druck ist nicht zu beschreiben. Und vor allem: Er macht keinen Sinn, vor allem wenn an dieser Sache nix hängt als Leidenschaft und Interesse. 🙂

Sorry an alle die es in meinem Fall abbekommen haben.
Aber es gab zum Glück die ein oder andere Situation während der drei Tage, die mich aus diesem Sog gezogen hat… Und mir geholfen hat den Kopf nicht zum Überlaufen zu bringen.

Danke Allen!

Nun aber:

Was kam als Erstes?

Ich fahre nach Berlin. Schnell gab es Erwähnungen wie #teamgermany oder #roadtoberlin. Das war schon irgendwie spooky.

Ich habe mal das Deutsche Rodel-Team Geueke / Gamm fotografiert und es war irgendwie etwas Besonderes zu sehen, dass jemand die Deutsche Flagge auf dem Shirt trägt. Und zwar nicht weil er bei Inter Sport ein Deutschland-Shirt gekauft hat, sondern weil er dazu gehört. Ein Teil des Teams ist, welches das Land bei einem Wettkampf vertritt.

#teamgermany Nikolai Fürst (Cuptasting), Sinan Muslu (Cezve/Ibrik), Nicole Battefeld (Coffee in good Spirits) und Yuri Marschall (Latte Art)

Dessen musste ich mir erst mal bewusst werden, dass ich zu den sechs Menschen aus der Kaffeewelt gehöre, die in diesem Jahr für Deutschland international an den Start gehen und das Land vertreten. Das war das Erste surreale was ich verarbeiten musste.

Wie habe ich angefangen mich vorzubereiten?

Fakt war: Ich musste die Rezepturen abändern. Das was ich national geliefert habe ging nicht mehr. Insbesondere der Signature Drink. Der Drink mit den vielen Eiswürfeln und der Rosenlimonade den ich bei der Deutschen Meisterschaft serviert habe war eine gute Idee, aber leider gar nicht zu Ende gedacht.

Ach ja… In dieser Disziplin müssen in 15 Minuten insgesamt vier Getränke im klassischen Cezve – oder auch Ibrik genannt – zubereitet werden (das sind die kleinen Kupferkänchen. Türkischer Kaffee sozusagen, aber mit Spezialitätenkaffee zubereitet). Jeweils immer zwei davon parallel. Einmal zwei einfache „Simple Ibrik“, das heisst soviel wie zwei Tassen zubereiteter Kaffee. Und einmal zwei sogenannte „Signature Ibriks“, das sind Eigenkreationen.

Das zweite: Die Präsentation musste fett werden. Auf Englisch natürlich. Aber ich hatte ja Zeit. Sage und schreibe neun Wochen, bis es nach Berlin ging.

Neun Wochen, das ist viel. Ok, aber wir wissen alle dass für solche Zeiträume während solcher Situationen ganz eigene Gesetzte gelten. Einstein hat diesen Faktor bei seiner Theorie leider nicht mit einbezogen… 🙂

Erst einmal war das alles in ganz weiter Ferne, denn … Hallo! Wir reden über eine WELTMEISTERSCHAFT! „Jaja… das wird irgendwie schon werden.“

Coach Telefonate

So ein oder zwei Wochen nach der Deutschen Meisterschaft habe ich mit Nicole telefoniert, denn sie wollte wissen was denn nun ist, was ich schon gemacht habe und was überhaupt.

So viel war da nicht, ich war gerade froh meine Übungsecke zu Hause nach der nationalen Meisterschaft wieder weg geräumt zu haben und mich in diesem Raum wieder frei bewegen konnte.

Wir haben ein erstes Brainstorming gemacht, was Kaffees und Rezepte angeht, und was ich so als nächstes angehe.

Für sämtliche Kaffeefragen haben wir einen Termin ausgemacht an dem ich nach Berlin kommen sollte und wir uns durchs Sortiment probieren. Was ich hingegen schon ohne Kaffee machen konnte, und auch gemacht habe war es, mir sämtliche Performances auf allen möglichen Videoplattformen anzuschauen.

Nicht nur im Bereich Cezve/Ibrik, sondern auch von einem bestimmten Teilnehmer aus einem anderen Bereich. Warum? Weil er in seiner Art eine ganz sichere und solide Nummer fährt, und mit seiner Performance schlichtweg einfach nur Punkte sammelt. Damit national schon gewonnen hat, und international vierter geworden ist! Und genau das war unser Ansatz. Keine fancy show, sondern eine ganz sichere Nummer ohne groß Tam Tam. Ohne viele potenzielle Fehlerquellen.

Präsentation und Equipment

Ich hatte relativ schnell einen groben Fahrplan für meine Präsentation. Solide und einfach.

Klar, die Rezepte und Infos zu all den Kaffeefakten fehlte, aber immerhin gab es etwas.

Und ich habe die vor ein paar Tagen abgebaute „Übungsstation“ wieder aufgebaut.

Einiges an Equipment musste allerdings noch her, das habe ich erst während der nationalen Meisterschaft gemerkt. Dankenswerterweise habe ich Unterstützer gehabt, wodurch es mir möglich war fehlende Dinge problemlos zu besorgen.

Zum einen mit BRITA Deutschland einen finanziellen Unterstützer, und Turgay Yildizli, der Ibrik Weltmeister von 2013, hat mich mit Cezve/Ibrik Kännchen, Brennern, einem Stand und anderen Kleinteilen supportet. Vielen Vielen Dank dafür!

Es wird ernst – Training in Berlin

Drei Tage Berlin. Drei Tage Kaffees probieren, Rezepte optimieren, Zutaten für die Eigenkreation aussuchen, weiter Rezepte entwickeln, und wieder probieren.

So in etwa sah mein Aufenthalt in Berlin bei Nicole und dem Team der Röststätte aus.

Training Tag 1

Am ersten Tag hieß es: Wir suchen den Competition-Kaffee. Wir hatten eine grobe Idee, wollten aber trotzdem noch mal ganz neutral die Kaffees probieren und gucken was uns erwartet.

Training in der Röststätte in Berlin

Die Reise endete beim El Paraiso, der Kaffee mit dem Nicole bei den Deutschen Barista Meisterschaften angetreten ist. Als Filterkaffee geröstet. Und bei einem gewaschenen Geisha. Das heisst, dass ich mit zwei Kaffees angetreten bin – Der Geisha für den klassischen Ibrik, der Paraiso für den Signature Drink.

Training Tag 2

Ich durfte einkaufen gehen. Das Training konnte am Mittag starten.

Also bin ich in die Gourmetabteilung von Galeria Kaufhof, und habe allerlei Dinge gekauft die mich angelacht haben. Früchte die ich noch nie gesehen habe, Getränke die ich mag, Zutaten die ich gern verarbeite oder sonstige nette Dinge.

Wie früher beim Kochduell wurde die Tüte dann ausgeschüttet, und wir haben probiert. Probiert, weg geschüttet, geändert, noch mal probiert, ganz was anderes gemacht, und wieder und wieder und wieder.

Am Ende des Tages stand eine Idee die noch verfeinert werden musste. Dazu haben wir parallel zum Abendessen noch Zutaten gekocht, und am nächsten Tag stand dann das Rezept für den Signature Drink.

Wirklich ein super leckerer Drink!

Die letzten Wochen vor der WM – Training alleine

Wieder zurück zu Hause stand ich in meiner Übungsecke, und habe angefangen.

Angefangen, die Rezepte immer wieder und immer wieder zu brühen. Zu probieren, noch mal leicht verändern damit der Workflow passt. Und nochmal probieren.

Dann kamen leichte Probleme mit dem Kaffee auf. Da schwindet die Motivation. Aber die konnten zum Glück last minute vor der competition noch mal gefixt werden, aber da komme ich gleich noch drauf zurück.

Jetzt konnte auch das script für die performance verfeinert werden, und immer und immer wieder geübt werden.

Menükarte für die Cezve/Ibrik Weltmeisterschaft

Menükarten gestalten und drucken, Schürzen besorgen und mit dem Sponsor-Logo versehen, eine Lösung für den Transport finden, einen Zeitplan erstellen … Es kam keine Langeweile auf.

Zumal mir ja nur die Abende und Teile von den Wochenenden blieben.

Berlin

Ich habe Puffer eingeräumt, und bin bereits den Montag vor der competition nach Berlin gefahren. Nicht ganz freiwillig: Auf dem Weg habe ich in Gera Halt gemacht, und noch einen Fotojob erledigt.

Meine Wahlheimat für die Zeit in Berlin war Kreuzberg, wo ich zusammen mit ein paar anderen Kaffeemenschen bei der netten June (wer sie nicht kennt kann dieses meiner Youtube Videos anschauen) wohnen konnte. Es sind so viele tolle Freundschaften in den letzten zwei Jahren entstanden, ich genieße echt jeden Moment mit diesen tollen Menschen.

Spaß im Photoautomaten

Die „Kaffee-WG“ waren June und Ella als Gastgeber, der Latte Art Teilnehmer für Deutschland Yuri Marschall, Sven Konopka aus Köln (Röster bei Schamong), und Singi aus Düsseldorf (Youtuber, 3. Platz bei den Dt. Barista Meisterschaften 2018)

Am Montag haben wir mit zwei Freunden zu Abend gegessen und ich konnte in Ruhe „ankommen“.

Dienstag – Tag 1

Am ersten Morgen bin ich direkt zur Röststätte, und wir haben den beriets erwähnten Fehler gefixt. Es war ein Mix aus Wasser, Mühle und doch einer anderen Brühzeit.
Der Trainingsraum war in den letzten Tagen vor der WM „open space“ für internationale Teilnehmer, und es kamen die ersten Leute angerollt.

Es wurde sich direkt ausgetauscht, irgendwelche verrückten Experimente von Farmern aus Kolumbien verkostet, über Wettkämpfe und Erfahrung gesprochen … So konnte die WM Woche starten, ich habe mich super wohl gefühlt. Der Stress war noch auf Parkposition…

coffee team germany
Meetup mit einem Teil von #teamgermany

Mittwoch – Tag 2

The day before… Zu einem Wettkampf gehört mindestens ein „Coach“, der mit im Backstage hinter der Bühne bei allerlei Dingen hilft. Packen, Material spülen und polieren, Sensorikbeschreibungen erstellen, etc.

Da Nicole als meine „Trainerin“ mit ihrer Coffee in good Spirits competition selbst eingespannt war, habe ich Tom Schweiger gefragt ob er mich unterstützen würde. Tom Schweiger ist seit gefühlt 400 Jahren erfahren in Kaffeemeisterschaften. Er selbst ist zweimaliger Deutscher Barista Meister, und einmal Coffee in good Spirits Sieger in Deutschland.

Was die Weltbühne angeht ist er einfach die Nummer eins in Sachen Erfahrung! Und was soll ich sagen… Das hat mich nicht nur gerettet, sondern mich auch beruhigt und mir ein sicheres Gefühl gegeben.

Der erste Tipp von ihm: Wir bringen schon am Mittwoch das gesamte Equipment zur Messe. Offiziell ging es ja erst am Donnerstag los, aber so hätte ich einen entspannteren Start. Klingt logisch!

Der Trick war, dass wir einen Messestand im wahrsten Sinne des Wortes auseinander gebaut haben, in dem wir die Front abgenommen haben. Das Equipment (6 Euro Boxen) da rein gestellt und wieder zu gemacht haben. Versteckt und sicher.

Equipment bei einer Weltmeisterschaft
Equipmentvergleich Cuptasting vs Cezve/Ibrik

Erst Entspannung, und dann noch mal DJ sein

Am Abend war ein „etwas trinken gehen“ geplant, was dann doch ein super nettes Essen mit anschließendem Craftbier verköstigen wurde. Hier ist dann noch die Idee eines SCA Barista Intermediate Kurses entstanden. Wie sagte jemand? „I call it a Schnapsidee aber es wird sicher super“. (Anmerkung: War super 🙃)

Craftbeer im Dolden Mädel
Empfehlung: Dolden Mädel

Das war hervorragend, weil ich einfach den Kopf noch mal frei bekommen habe, und das war mehr als nötig, so kurz vor der ganzen Action. Wieder zu Hause angekommen wartete ich noch auf meinen Bro Singi, der mit der Bahn ultra spät ankam. So gegen 1:20 Uhr.

Was dann geschah: Ein Blitz durchzuckte meinen Kopf, mit dem Gedanken:

Ich habe noch keine Musik für meine competition!

Singi ist sofort eingesprungen. „Ich mach das, ich helf‘ dir, hol den Laptop!“ – Muss ich noch was sagen? Jedenfalls stand dann um 3 Uhr auch der Mixdown und zwar suuuuper nice sounds.

Ab in die Kiste, Wecker um 6:00. Denn das competitor meeting sollte um 9.30 stattfinden. Das ist ein Meeting vor einem Wettbewerb, bei dem sich alle Teilnehmer zusammenfinden, offene Fragen klären, die Räumlichkeiten und Gegebenheiten gezeigt bekommen, die Mühlen erklärt bekommen usw.

Ich wollte natürlich reichlich Puffer haben, und um kurz vor acht an der Messe sein.

Donnerstag – Competition Tag 1

Das war ich auch. Verabredet mit Tom im Backstage / prep room.

Hier sollte auch das Meeting statt finden. Der sog. prep room ist der Raum in dem alle Teilnehmer ihre Sachen lagern und ihre sog. practisetime haben. Das ist eine zugewiesene Stunde Zeit, in der man mit dem Bühnen-Equipment Getränke machen darf. Also noch einmal Kaffee brühen, die Mühle testen, den Mahlgrad finden, tagesaktuelle Geschmacksbeschreibung definieren etc.

Nach dieser Stunde kann man mit seinem Equipment machen was man möchte, nur eben keinen Kaffee mehr brühen.

Also, hier waren nun die anderen Jungs und Mädels, die ich bislang nur aus Videostreams und Instagram kannte. Für mich ein Gefühl als ob ich bei einem Tennisturnier mitmache, und um mich herum die Top 5 der Weltrangliste stehen. Okay, im Endeffekt war es genau so. Super skurril und ein bisschen wie im Traum.

Es wurden uns die Mühlen gezeigt, offene Fragen geklärt, und dann konnten wir machen was wir wollten. Ich hatte noch Zeit bis um 11:30 Uhr zu meiner practisetime, also hieß es: Material auspacken und ordnen.

Tom hat mir da nochmal erklärt wie man das am sinnvollsten macht, wie man dann den Wagen bestückt mit dem das ganze Zeug zur Bühne gekarrt wird. Schauen wo Kabel her laufen, wo sind mögliche Gefahren anzuecken, usw.

Geballte Kompetenz im Vorbereitungsraum

Als es dann los ging mit der Stunde, habe ich Kaffee gebrüht. Ausschließlich. Die Performance habe ich in der Zeit nicht noch mal abgerufen, das wollte ich im Anschluss noch mal in Ruhe machen.

Die ersten Kaffees waren nix, da die Mühle neu war und ich damit erst mal warm werden musste. Erna Tosberg kam dann noch dazu, und wir haben gemeinsam die sog. „flavor descriptions“ bestimmt.

Ich muss es noch mal sagen… ERNA TOSBERG UND TOM SCHWEIGER!!! Ich grinse bei dem Gedanken und bekomme Gänsehaut – Da es so nur ein Teil der Leser versteht: Das sind die beiden erfolgreichsten Deutschen Wettbewerbsteilnehmer ever. So wie wenn Messi und Ronaldo mit dir zusammen dein Spiel durchgehen und dir helfen.

Nun hatte ich Zeit bis um 15:15 Uhr. Dann hieß es: Raus zur Bühne und aufbauen.

Die Stress-Hemmschwelle sinkt …

Die Zeit bis dahin habe ich genutzt und mir u.a. Yuri Marschalls Performance im Latte Art Wettbewerb angeschaut. Spätestens da habe ich gemerkt, was so langsam mit mir los ist:

Ich war super angespannt. Das Gehirn funktionierte nur noch. Ich habe so konzentriert zugeschaut, und bei jedem Handgriff von Yuri mit gezittert. Es war einfach zu emotional. Ich meine, ich habe schon sooo oft eine Latte Art performance gesehen, auch von Freunden und Leuten die ich kenne und mag.

Aber das hier war anders. Ich lief auf Sparmodus. Atmen, gucken, und fiebern. Mehr war da nicht. Ohne dass ich es gemerkt habe sind mir Tränen in die Augen geschossen. Anspannungslevel over 9000! Ich weiss nicht wie ich das beschreiben kann oder ob man das nachvollziehen kann…

Das hat sich durch gezogen. Alles was ansatzweise emotional oder stressig war hat in mir sofort eine Reaktion hervorgerufen die ich heute nicht mehr so ganz verstehen kann. Aber es wird einfach eine Reaktion des Körpers und Hirns gewesen sein.

Die Cezve/Ibrik Vorrunde

Ab zur Bühne. Alle waren da. Ich weiss nicht wie viele Menschen, aber es waren viele. Und so viele bekannte Gesichter.

Ich war im Tunnel. Ich habe nur noch das gesehen was ich wollte. Das war die Bühne, das war Tom, das waren ein paar Gesichter dir mir in dem Moment am wichtigsten waren. Mehr nicht. Der Rest war dunkel.

Ab in den prep room. Der Wagen war schon gepackt. Umziehen. Ab zur Technik, verkabeln lassen.

Setup Time bei der Cezve Ibrik Weltmeisterschaft

Dann ging es los. Raus zur Bühne, und mein Setting aufbauen. Alles hundert Mal gestellt und geübt. Und es klappte.

Krasser Moment 01: Ich wurde angekündigt, als Vertreter für Deutschland. Das Gastgeberland. Und alle haben geschrien. Sowas kannte ich nicht. Sowas habe ich noch nie erlebt. Das zu beschreiben ist unmöglich, aber das gehörte mit zu den Momenten die ich oben beschrieben habe und wo ich hätte heulen können…

rein geguckt?

Dann: Warten. Warten auf die Jury. Was echt seltsam war: Ab dem Moment war ich entspannt. Natürlich – relativ. Aber ab jetzt konnte ich nichts mehr ändern. Nichts mehr justieren, nichts mehr optimieren. Der Stand jetzt war es, und den sollte und wollte ich einfach abspielen. Das habe ich verstanden und verinnerlicht, und ab da war es easy. Wie gesagt: Relativ, im Verhältnis.

Die Jury ließ sich Zeit, aber das war ok. Ich glaube die Leute im Publikum haben mehr geschwitzt als ich.

WM Performance Cezve/Ibrik Championship

Mein Blick wanderte noch mal durch die Reihen, und dann: Ganz vorne. Auf dem Boden. Nicole. Eigentlich hätte sie nicht da sein dürfen. Sie hatte selbst voll zu tun mit ihrem Wettbewerb. Aber sie war da. Und starrte mich an. Ich starrte zurück.

Ich weiss nicht wie lange das ging, aber gefühlt haben wir in der Zeit alles gesagt was zu sagen war. Ohne einen Ton zu sagen. Nur wir beide allein wussten, was genau in diesem Moment passiert. Krasser Moment 02.

TIME!

Los gehts. Und was soll ich sagen… Ich habe mein Bestes gegeben. Ich habe flavor descriptions vergessen, ich habe Textelemente vergessen. Aber das war so, und ich konnte in dem Moment nix ändern. Also habe ich einfach weiter gemacht, denn die Zeit lief. Völlig in Ordnung!

Sinan Muslu bereitet seinen Signature Drink zu

Ich glaube das ist etwas worüber ich froh sein kann. Ich gerate bei sowas nicht in Panik. Ich fange nicht an zu zittern, ich komme nicht aus dem Konzept. Ich habe einfach weiter Kaffee gekocht.

Kaffeemeisterschaft Sinan Muslu WM
Für den Signature Drink wurde der Kaffee in der Aeropress gefiltert

Ich war suuuper früh in der Zeit. 15 Minuten hat man, ich war nach 12:30 bereits fertig. Zeit genug zum aufräumen, und dann kam das worauf ich mich seit 10 Wochen gefreut habe:

TIME!

Das war’s. Wochenlang schwitzen und ackern. Genau für diese 15 Minuten. Ich bin durch, ich habs hinter mich gebracht.

Krasser Moment 03: Die Menschen. Sie applaudierten. Sie pfiffen. Sie heulten. Auch das kann ich nicht beschreiben. Nicole stand vor mir, Tränen in den Augen, umarmte mich, hat was zu mir gesagt was mir jetzt gerade beim schreiben schon wieder Pipi in die Augen drückt, und sich dann entschuldigt weil sie los musste und ihr Equipment vorbereiten.

Ich habs hinter mich gebracht. Dachte ich zumindest…

Abends waren dann einfach nur Party und schöne Momente. Irgendwas von Café Imports auf ’nem Boot hier, eine Party der Barista League zusammen mit Oatly da… War nice, und ich war froh es geschafft zu haben. Und ich hab was von Berlin gesehen 😉

Der Freitag war dann ja sozusagen frei für mich und es gab andere Wettbewerbe zu sehen. Ach ja, und natürlich die Bekanntgabe der Finalisten!

Freitag – Competition Tag 2

Coffee in good Spirits. Nicoles Bühnenzeit. Die ersten Klänge ihrer Musik ertönten, und in dem Moment wusste ich: Scheisse. Ich bin hier noch gar nicht wieder locker und so entspannt wie ich dachte. Warum zum Geier hab ich schon wieder diese Tränen im Auge?

Es lief Sky and Sand von Paul Kalkbrenner. Berlin calling. Ihr Thema der Performance. Es war so gut. Ich kannte es, und habe für mich mit gesprochen. Irgendwann habe ich gemerkt dass die Leute um mich herum auf mich geschaut haben. Dann wiederum habe ich bemerkt warum. Ich saß total angespannt da, Hände vorm Gesicht und starrte nur zur Bühne. Mit Pipi in den Augen.

Irgendwas war hier los. Warum war ich nicht entspannt? Für mich war es das doch!

Bis dann der Gedanke kam. Dieser Gedanke „Shit. Hier ist jemand overtime bei den Leuten im Cezve/Ibrik Wettbewerb.“ Ich habe mir bewusst keine einzige andere Performance angeschaut, daher wusste ich nicht was die anderen gemacht haben. Was ist wenn noch jemand verbockt hat? Oder overtime gegangen ist? So viele Teilnehmer waren es nicht, was ist wenn ich doch noch mal ran muss…

Und ab da ging es los. Puls. Schweiss. Angst.

Das Announcement der Finalisten

17.30 Uhr. CIC/CTC Bühne (Cezve/Ibrik- und Cup Taster Championship).

Ich war zu spät, die anderen standen alle schon backstage zum aufrufen bereit. Es gab T-Shirts. Und es wurden selfies gemacht, und sich in den Arm gefallen. Ich stand zwischen der Welt-Elite und es ging darum, wer die besten sechs sind. Die besten sechs die morgen um den Weltmeistertitel kämpfen. – Krasser Moment 05

Wir wurden aufgerufen, und standen nun da. Sechs Namen sollten jetzt genannt werden die nach vorn kommen sollten.

Filip Valentin – Rumänien… 
Sergey Blinnikov – Russland … 
Tetiana Tarykina – Ukraine
Dimitris Karampas – Griechenland
Koray Erdogu – Türkei

Sie standen vorne. Und mein Gedanke: Wow. Ich hab es doch hinter mir. Danke danke danke. Es war so toll, ich bin so happy, ich will gar nicht nochm…

GERMANY! SINAN MUSLU!

Sinan Muslu zieht ins Finale der Cezve/Ibrik Championships ein

Und es wurde Laut. Und still. Ich habe kurz nichts gesehen und nichts gehört. Meine Hände haben gekribbelt, ich bin nach vorn und war dabei. Unter den sechs besten auf der ganzen großen Welt. Krasser Moment 06. Eigentlich war das Moment 01. Der mit Abstand surrealste und verrückteste Moment in der ganzen Zeit.

Cezve Ibrik Championship Finalisten
Die sechs Finalisten. v.l.: Dimitris Karampas, Tetiana Tarykina, Ich,
Filip Valentin, Koray Erdogu, Sergey Blinnikov

Ich habe Leute gesehen die sich in die Arme gefallen sind und wieder geweint haben. LEUTE! Ich habe nur Kaffee gekocht!

Nicole war auch wieder da, und kam auf mich zu. Genau wie in Unterhaching bei den nationalen Meisterschaften. Da hat sie sich noch kaputt gelacht, aber hier war sie komplett verheult.

Nicole Battefeld Sinan Muslu Coffee Champions
Danke Nicole ❤️

Ich weiss nicht mehr was dann alles passiert ist, aber… Ein paar Stunden später stand ich mit meiner Kamera bewaffnet auf einer Rooftop Party und habe gearbeitet. Eine Fotoreportage für La Marzocco Deutschland.

Das zu tun was man liebt geht einfach immer, egal was sonst noch so los ist.

Samstag – Competition Tag 3

OK. Es war eine Party. Es war eine schöne Party. Bisschen luxuriöser als ich es gewohnt bin, aber ich hatte eine nette Zeit, und auch wieder ein bisschen Kopf-frei-kriegen Momente. Danke dafür 🙃

Nach 2 oder 3 Stunden Schlaf klingelte wieder der Wecker. Die letzten drei Nächte zusammen hatten mir glaube ich 8 Stunden schlaf beschert. Aber ich war nicht müde. Adrenalin und alles was da sonst noch so im Körper produziert wird haben mich fit gehalten.

Singi war heute voll mit dabei. Am Donnerstag war er selbst eingespannt, aber heute hing er an mir. Auch er kennt diese Situation durch die Teilnahme an den Deutschen Barista Meisterschaften zu gut, und daher wusste er immer genau was los war, was ich brauchte oder was er machen musste. DANKE MAN!

An der Messe angekommen haben wir Tom getroffen. Er begrüßte uns mit den Worten „Egal wie, ich bin hier“. Ok, er war auch feiern am Tag zuvor. Scheinbar ein bisschen länger 😂 Aber… Wie krass kann man sich bitte auf jemanden Verlassen? Ich war so happy… Und weiss auch genau warum. Dieses Team was ich insgesamt um mich herum hatte, war einfach der Hammer.

Ja, ich habe zu Hause alleine geübt und trainiert. Ja, ich hatte 2 Wochen vorher keine Lust und hätte am liebsten hin geschmissen. Aber all das war plötzlich weg. Ich hatte Support ohne Ende, und das hat mich gepusht. Fachlich. Persönlich. Freundschaftlich und auch Geschäftlich.

Zusammen mit Singi, Erna und Tom lief erneut die practise time. Same procedure wie am Donnerstag. Kompetenz ohne Ende.

Danach wurde es noch mal brenzlig. Ich wusste was ich in der Vorrunde verbockt hatte. Und ich habe mir den Text aufgesagt. Immer und immer wieder. In der Halle. Draussen. Beim essen. Auf dem Klo. Um genau diese Fehler nicht noch mal zu machen.

Ich hatte den letzten Startplatz im Finale. 12:20 Uhr setup, 12:35 performance.

Die performance bin ich anders angegangen. Mit dem Gedanken: Ey. Ich habe schon gewonnen. Egal was hier passiert, und wenn ich alles umschmeisse und 4 Bier ordere und 10 Minuten mit der Jury Bier trinke, ich HABE SCHON GEWONNEN!

Signature Drink wird geshaked.
Man sagt man solle hierbei auf sein Gesicht achten. Hab‘ ich getan!

Ich war wieder recht zufrieden in der Situation. Ich habe der Jury mehr Zeit gelassen zum notieren (was bei vielen so ankam, als hätte ich die übelsten Hänger), habe weniger Text vergessen und habe einfach gemacht.

Bei ca 14:00 Minuten war ich durch, und habe den Arbeitsplatz sauber gemacht. Ich habe mit der Musik im Takt gewippt, konnte mir einen letzten Scherz nicht verkneifen, aber der kam eher von Herzen und war nicht extra geplant. Das ist mir auch erst aufgefallen als das gesamte Publikum angefangen hat zu lachen.

Der Signature Drink wird der Jury serviert

Ich habe es gemerkt, und dann kam ein lautes und ich glaube sehr sehr deutliches

TIME!

Ich war froh fertig zu sein. Dieses Mal definitiv. Es gab keine weitere Runde, und nur noch die Verkündigung. Das wars. Krasser Moment 07.

Bekanntgabe der Ergebnisse

Eine oder zwei Stunden nach meinem Finale war dann die Bekanntgabe der Ergebnisse.

Wir wurden alle auf die Bühne gestellt, und so wie man es kennt, ging es von hinten los.

Platz 6…Türkei, Koray Erdogu!

In meinem Kopf war plötzlich Zirkus. Ich weiss, man sagt das so einfach, aber ich war der Aussenseiter. Der einzige Typ auf der Bühne der Kaffee als Leidenschaft „betreibt“. Der sich ins Zeug gelegt hat mit dem Gedanken, dass andere 4-10x so viel Zeit und Wissen investiert haben. Weil sie es können und die Möglichkeit haben. Ein Typ, der ehrlicherweise nicht damit gerechnet hätte, überhaupt in Berlin an den Start zu gehen.

Platz 5… Greece, Dimitris Karampas!

Damit waren dann schon zwei Favoriten raus. Was zur Hölle war hier los?! Ich bekam Schiss…

Platz 4… Filip Valentin, Romania!

Ok. Irgendwas war hier los. Meine Hände fingen an zu zittern und ich war einfach wieder in diesem Tunnel. Irgendwo rechts hörte ich Singi und Kai schreien. Und eine Menge tobte.

Sinan Muslu gewinnt den 3. Platz bei der Cezve / Ibrik Weltmeisterschaft
Das Ding ziert jetzt ein Regal in meiner Küche…

Ich hatte es verdammt noch mal aufs Treppchen geschafft. Auf das Treppchen bei einer Weltmeisterschaft. Einer Weltmeisterschaft im Kaffee zubereiten. Als einer von sechs Deutschen. Einer der Besten in einer der sieben Kategorien. Einer der besten 21 Menschen auf der ganzen Welt.

Das Ganze zu realisieren ist schwer.

Das. Ist. Krank. Und ich habe es heute, knapp 4 Wochen später, immer noch nicht ganz geblickt, das merke ich beim schreiben dieser Zeilen.

Die Leute im Publikum haben fast mehr gelitten als ich. Sowohl beim Wettkampf als auch bei der Bekanntgabe. Ein zittriges „Mir geht das gar nicht gut“ was mir ins Ohr geflüstert wurde vorm Finale hat mir das irgendwie bestätigt. Menschen die zugeguckt haben als ob hier ein WM Final… ehm… ok… ein Fussball-WM-Finale passiert und Mario Götze auf das Tor zuläuft und das 2:1 schießen will.

Singi Siggifly Coffee. Support bei der WM
Danke Singi. ❤️

Ich habe etwas geleistet, was 100% aus Leidenschaft und mit einem grandiosen Team passiert ist. So etwas habe ich noch nie vorher gehabt, und es bedeutet mir so unfassbar viel. Einfach für mich. Wäre ich einfach letzter geworden, würde ich heute genau so hier sitzen, genau so stolz sein, nur eben darüber schreiben dass es eine krasse Erfahrung war. Ohne Treppchen. Ohne Pokal. Aber mit genau den gleichen Gefühlen.

Coffee Judges Cezve / Ibrik Championship
Das Finalselfie mit den Juroren und ein paar schmucken Holzklötzen

Vor 2,5 Jahren habe ich noch gefragt „Wer sind die?“, und es waren die Juroren bei einer competition gemeint. Erna Tosberg als ganz ganz weit entferne Person die 2x Deutsche Meisterin und die bis dahin die beste deutsche Platzierung bei einer WM als Barista inne hatte. Und heute – 31 Monate später – steht sie zusammen mit einem ebenfalls 2-maligen Barista Meister mit mir Backstage und hilft… Das ist so ein Moment… Ich glaube für alles andere gibt es Mastercard ❤️

Sonntag – The day after

Guten Morgen.

Es gibt eine kleine Anekdote, es ging um Mohnschnecken:

Und was soll ich sagen… Um 3:45 Uhr war der Teig fertig, und am Morgen gab es frisch gebackene Schnecken 😎 #friendshipgoals!

June the Barista
Sie hat ihr Wort gehalten und noch in der Nacht Hefeteig gemacht.

Ansonsten… Da steht so ein Holzklotz mit einem Ibrik oben drauf. Noch zu 100% ein Fremdkörper.

Es war Fest der Kulturen in Kreuzberg. Das haben wir uns angesehen, bevor es zur Röststätte ging. Denn dort haben 5 der Teilnehmer der Coffee in good Spirits Meisterschaften ihre Drinks gemacht.

Eine durchweg entspannte Veranstaltung. Entspannung. Kein „Oh nein, was ist wenn…“ Einfach quatschen, trinken und sich freuen dass es vorbei ist.

Sinan Muslu (cezve/ibrik) und Nicole Battefeld (coffee in good spirits), Deutsche Kaffee WM Teilnehmer
Team Röststätte sozusagen. Fix und fertig.

Um zehn Uhr war ich einfach durch. Und bin nach Hause. Und habe geschlafen. Danke Berlin. Danke coffeepeople. Danke allen.

Ich habe Bock auf mehr… 


Fotos: Constantin Gerlach, Laura Droße, Jeffrey Glaß, Anna Schättgen, Kristaps Selga for WCE

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